Kunsttöpferei - Friedrich Festersen - Anlage 10

Kunsttöpferei Friedrich Festersen

(Berlin 1909 - 1922)

Anlage 10

Die Töpferstadt Bunzlau – die Stadt des guten Tons

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Herausgegeben vom Verkehrsverein Bunzlau (ohne Jahr)

Seit dem späten Mittelalter ist Bunzlau an der Bober und ihre Umgebung im ehemaligen preußischen Regierungsbezirk Liegnitz (Niederschlesien, heute polnisch Bolesławiec) einer der wichtigsten Orte des schlesischen Töpferhandwerkes. In der Geschichte der deutschen Keramik steht es gleichbedeutend neben den Töpferzentren im Rheinland, im Westerwald und in Sachsen.

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Bunzlau ist die Heimat der „Bunzeltöpfe“, jener hellgrauen, lehmglasierten Steinzeugwaren, die seit alters her als Vorratsgefäße aller Art in keinem deutschen Haushalt fehlten. Daneben brachte Bunzlau braunglasierte Kannen, Krüge, Schraubenflaschen, später auch Essgeschirr und Vasen hervor. Wirtschaftliche Grundlage der Produktion waren die guten Tonlager in der Nähe der Stadt, sowie das Vorkommen brauner Lehme. Von der Natur gemischt, konnten diese ohne weitere Aufbereitung auf die Waren aufgetragen werden. Die Bunzlauer Waren wurden bei 1260 Grad gebrannt. Ein besonderer Vorzug dieser Tonwaren war ehedem ihre Feuerfestigkeit. Damit konnten aus diesem fast weiß bis leicht ocker brennenden Scherben Koch- und Schmortöpfe sowie Kannen zum Warmhalten der Getränke auf der Herdplatte hergestellt werden.

Jahrhundertelang fanden Bunzlauer Erzeugnisse nicht nur in Deutschland weite Verbreitung, sondern wurde auch nach Skandinavien, Russland, Polen, England, Holland, die Schweiz, selbst  nach Übersee exportiert.

Herausragende Eigenschaften der Bunzlauer Keramik waren die Temperaturwechselbeständigkeit und ihre Freiheit von Haarrissen. Der im Bunzlauer-Naumburger Tonbecken geförderte Ton wurde bei bis zu 1260 Grad Celsius gebrannt und galt im gebrannten Zustand als hochgebrannte Irdenware. Dieser Scherben war trotz hoher  Brenntemperatur nicht gesintert, also noch etwas porös und konnte dadurch Temperaturwechsel gut überstehen. Die aufgeschmolzene Lehmglasur – ursprünglich reiner niedrigschmelzender rotbrauner Lehm – machte die Keramik dicht für alle Arten von Flüssigkeiten. Während in anderen europäischen Töpfergegenden noch lange Zeit viel Blei verwendet wurde, war die frühzeitige Bleifreiheit der verwendeten Glasuren ein wesentlicher Beitrag zum großen Erfolg der Bunzlauer Keramik. Der Vorzug der Feuerfestigkeit verlor allerdings mit der Einführung von emaillierten Gusseisen- und Stahlblechtöpfen und schließlich von solchen Gerätschaften aus Aluminium zum Beginn des 20. Jahrhunderts weitgehend an Bedeutung.

Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Bunzlau Zentrum einer aufstrebenden keramischen Industrie, in der bereits nach den Prinzipien der Massenproduktion gearbeitet wurde. Neben der braunen Ware kamen Geschirre mit sogenanntem Schwammdekor auf, einer Rosettenmusterung, die mit dem Farbschwämmchen aufgetragen und anschließend mit einer Feldspatglasur überdeckt wurde. Von ungelernten Kräften schnell und einfach auszuführen, waren die vorwiegend in den Farben Blau, Grün, Gelb und Rot gehaltenden Geschirre von intensiver Leuchtkraft und volkstümlicher Fröhlichkeit. Geschwämmeltes Steinzeug war sehr beliebt und wurde für Bunzlau ebenso typisch wie die braune Ware. Bunzlauer Keramik hatte bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges eine große wirtschaftliche Bedeutung und war darüber hinaus mit ihrem typischen Dekor stilbildend. Die im 20. Jahrhundert wohl bedeutendsten Bunzlauer geschirrkeramischen Industierbetriebe Julius Paul & Sohn sowie Hugo Reinhold & Co. hatten beide Sorten Steinzeug in ihrer Produktion. Wirtschaftlich war es für sie von Vorteil, dass sowohl die lehmglasierte als auch die feldspatglasierte Ware bei gleicher Temperatur von 1260 Grad gebrannt werden konnte. Beide Firmen haben in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ihr Angebot an Gebrauchsgeschirr entschieden erweitert zugunsten von Zierkeramik mit vielfältig polychromen Laufglasuren.


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karte bunzlau keramik 50 Bunzlau, Staatliche Keramische und Glasfachschule

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Keramische Fachschule Bunzlau / Schulgebäude von 1897 mit dem Dachausbau von 1922/23


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Neuerungen im Töpferhandwerk förderte die 1898 in Bunzlau nach österreichischem Vorbild gegründete Königliche, später Staatliche Keramische Fachschule. Bis zuletzt gab es neben der industriellen Fertigung in Bunzlau und Umgebung eine Vielzahl von Handtöpfereien in Familienbesitz, die auf der Scheibe drehten oder in Gipsformen gossen. In unmittelbarer Konkurrenz zu den Töpfereien in der Stadt Bunzlau standen die Werkstätten in der Nachbarschaft, die durch abgewanderte Töpfer gegründet wurden, zum Beispiel in Naumburg am Queis, Tillendorf und Ullersdorf. Der Erfolg der Bunzlauer Keramik führte zu Nachahmungen in anderen Töpferorten, die dann auch unter diesem Gattungsnamen verkauft wurden. Die Töpfer in Bunzlau und Umgebung versuchten sich deshalb mit dem Markenstempel „Original Bunzlau“ zu schützen. Herstellermarken findet man vorzugsweise auf den mehr industriell gefertigten Produkten; auf älteren, insbesondere auf der Töpferscheibe gedrehten Tonwaren fehlen sie teilweise.
Nach kontinuierlicher Tätigkeit von sechs Jahrhunderten kam die Bunzlauer Keramikherstellung 1945 mit dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches und der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung Niederschlesiens nach dem Zweiten Weltkrieg zum Erliegen. Bekannte Töpfereien waren u.a. Gleisberg, August Hude, Julius Paul & Sohn, Hugo Reinhold & Co und Edwin Werner.

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